Auf der Suche nach einem Staat


Max Prugger ist 1899 geboren. Seine Biographie durfte ich im Namen seiner jüngsten Tochter, Paula Prugger, aufschreiben. Unterlagen ordnen, historisch sortieren, in eine Abfolge bringen. Was hängt womit zusammen?



In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit einem Kapitel der Südtiroler Geschichte befasst: Die Folgen der Option nach 1945 und die damit zusammenhängende Verweigerung der italienischen Staatsbürgerschaft an eine Reihe von Menschen. Max Prugger aus Olang ist einer von ihnen. Nach 1945 begann seine Odyssee, bis 1972 blieb er staatenlos. Parallelen haben sich aufgetan, denn auch meinem Großvater Ernst Lüfter wurde die italienische Staatsbürgerschaft bis nach 1970 verweigert. Er war kommissarischer Bürgermeister von Bruneck im Jahr 1943, sowie Ortsgruppenleiter der nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft der Optanten (AdO). Keine Staatsbürgerschaft zu bekommen, war unter anderem ein Akt der Entnazifizierung durch den Italienischen Staat. Doch wo Recht gesprochen wird, herrscht nicht automatisch Gerechtigkeit. Viele Fehlentscheidungen wurden gefällt.


Im Folgenden geht es um die Geschichte eines Olanger Gastwirtes, Mitglied einer weit vernetzten Familie. Prugger ist interessierter Politiker, Vereinsmensch, Buchhalter, Ehemann, Vater, von 7 Kindern. Während der faschistischen Diktatur setzt er sich "für das Dorf ein", wie er es beschreibt, Prugger war später Ortsbauernführer und - so geht es aus den Akten hervor - "Anführer des SOD (Südtiroler Ordnungsdienst) der Fraktion Oberolang". Kein unbeschriebenes Blatt also für die Behörden der damaligen Zeit.


"Max Prugger ist nach 1945 in Südtirol nicht allein. 664 Personen befinden sich in derselben misslichen Situation. Für Prugger hat die Option weit reichend Folgen. Wie viele andere Tausende Südtiroler, optiert Prugger 1939 für Deutschland - er wandert jedoch niemals aus.

Das Optantendekret vom 5. Februar 1948 ermöglicht es den Südtirolern die italienische Staatsbürgerschaft beizubehalten oder wieder zu erlangen. Damit schloss sich ein rechtliches Vakuum, das nach Ende des 2. Weltkrieges nicht unerheblich war. Der italienische Staat lässt sich aber eine Hintertür offen, verweigert die Staatsbürgerschaft. Und zwar, wenn sich jemand nationalsozialistisch exponiert hatte oder der "antiitalienischen Gehässigkeit beschuldigt wurde." (...)




Staatenlos zu sein hat weitreichende Folgen. Prugger schildert sie in seinen Aufzeichnungen folgendermaßen: „Infolge der Nichterlangung der Staatsbürgerschaft hatte ich große Schwierigkeiten, beim Aufbau meines Hotels. Kreditschwierigkeiten, weiters erhielt ich für die Kinder (7 Kinder haben mehr oder weniger studiert) keine öffentlichen Beihilfen, weiters hatte ich noch die Eltern von 1929 bis 1959 bzw. 1967 zu Lasten usw. (…), keine Subventionen, keine Studienbeihilfen. Dies sind nur Anführungen. Einen Bericht über einen viele Jahr hindurch erlittenen Schaden wegen der Staatenlosigkeit (Auslandspassverweigerung usw.) würde zu weit führen, hier alles anzuführen.“ Außerdem ist Pruggers jüngste Tochter, Paula, 1950 geboren, ebenso von der Staatenlosigkeit betroffen. Sie erinnert sich: „Die Politik war immer ein Thema bei uns zu Hause. Den Vater bedrückte das sehr. Einmal, dass er in seiner Angelegenheit nicht weiterkam, und dann, dass auch ich die italienische Staatsbürgerschaft nicht bekommen hatte. Bei Tisch wurde immer wieder davon gesprochen. Da war viel Groll, Ärger und Schmerz bei ihm. Zunächst, als Kind, hat es mein Leben nicht betroffen, erst später dann, mit etwa 19 Jahren, da habe ich gemerkt, was das bedeutet – staatenlos zu sein.“

Das Thema war in der Familie präsent, irgendwie immer. „Die Unterschriften musste ja alle meine Mutter leisten, alles ging auf sie. Denn er hatte ja eigentlich keinen Besitz. Wenn sie beim Kochen war, dann kam er wieder und brauchte dies und jenes. Wieder eine Unterschrift“, erzählt Paula Prugger. Und ihre älteste Schwester Erika Prugger ergänzt: „Den Vater hat das sehr belastet. Er durfte auch keine Lizenz haben für das Gasthaus, er durfte nicht ausreisen. Das war schlimm für ihn.“

Lechner befindet im Buch „Einmal Option und zurück“: „Der Ausschluss von der Staatsbürgerschaft war eine schwerwiegende Sanktion, die z.B. die Teilnahme am öffentlichen Leben unterband oder die Betroffenen vom öffentlichen Dienst ausschloss.(…) Hinsichtlich der Folgen bestanden somit deutliche Parallelen zur Entnazifizierung in Deutschland und Österreich, wo ehemalige Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Dienst entfernt, mit Berufsverbot belegt oder der politischen Rechte als verlustig erklärt wurden.“ (Lechner 2019, S. 84)


Danke an Paula Prugger für die Veröffentlichung dieses Beitrages.


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