UN ERHÖRT

Visionen des jungen Südtirol, Edition Raetia, 2006

GeGensätze

Biertisch: Hey du, was machst du da am Boden? Liegst nur rum, hast keinen Spaß. Komm rauf, hier ist es viel gemütlicher. Na los!

Yogamatte: Wie angenehm der Boden doch ist, wie weich die Erde. Fühlst du sie? Sie um- fängt uns, stützt uns – heute und immer.

Biertisch: Was redest du da? Komm, Langeweiler, Miesepeter. Sieh doch mal, wie sich rings um mich alle vergnügen, sich unterhalten. Spaß haben. Hast du keine Angst? So ganz allein?

Yogamatte: Viele Menschen haben heute auf mir innegehalten. Ihren Atem wieder zu er- spüren versucht, mit ihrem Körper konzentriert geübt. Sind ganz hier gewesen, im Jetzt. Da gibt es keine Angst.

Biertisch: Ha, das Hier und Jetzt, dass ich nicht lache! Und wie sieht deine Zukunft aus? Kannst doch nicht so in den Tag rein leben! Ich bin die Unterhaltung, ich ermögliche Geselligkeit, Gemeinschaft. Mich wird es auch morgen brauchen.

Yogamatte: Gemeinsam und trotzdem einsam. Ich bin auf der Suche nach Sinn, aus der Sinnlosigkeit des Konsums heraus. Auf der Flucht aus der Betriebsamkeit in die Leere, in die Stille.

Biertisch: Leere und Stille. Das kann doch nicht gut tun! Das hat doch keine Zukunft, glaub mir. Das Leben ist laut und schrill. Und es muss lustig sein. Immer was Neues, was Besonderes. Verstehst du nicht? Die Leute wollen Spaß haben, was erleben, Party! Das ist Entspannung!




Yogamatte: Wie gut es doch tut, ganz ruhig zu werden. Arbeit, Anspannung, Druck: Alles fällt weg. Ganz da sein und gelassen dem Morgen entgegenblicken. Wie schön doch das Leben ist! Wie viel Dankbarkeit man haben muss, hier und jetzt leben zu können.


Biertisch: Du willst also sagen, du bist das Morgen? Du, Yogamatte?! Du willst also sagen, die Leute werden mich nicht mehr brauchen, im Morgen? Das sind Hirngespinste, Träumereien. Hier die Fakten: Ich bin ausgebucht, über Monate. Tendenz steigend! Du, die Vermarktung, die ist ganz wichtig, und bei mir, da stimmt sie! Wir müssen immer bereit sein, auf Veränderungen reagieren, uns dem Markt anpassen, verstehst du? Mit der Zeit gehen!

Yogamatte: Reden und zerreden. Es gibt dich doch, heute, jetzt, lass dich fallen! Was das Morgen bringt, wer weiß das schon?

Biertisch: Du, du kommst doch gar nicht von hier, du und deine Kultur vom Hier und Jetzt. Wir hier, unsere Leute, sitzen gerne am Biertisch, unterhalten sich, ratschn. Da braucht es keine Stille auf einer lächerlichen Yogamatte. Da braucht es Musik, Tanz und das eine und andere Bierchen. Was weißt du schon, was hier Tradition hat?

Yogamatte: Traditionen sind wichtig, denn sie geben Stütze und Halt in einer Welt, in der vieles zerfällt, alles immer schneller, größer und bunter wird. Doch die wirkliche Tradition fehlt den Menschen. Du weißt nicht, wie es den Menschen geht! Weißt du, was sie denken? Die Managerin aus der Stadt? Sehnt sich nach Ruhe und Geborgenheit! Der einsame Bau- er aus dem Tal? Viel Arbeit, aber keine Frau! Und die magersüchtige 15-Jährige aus dem Dorf? Eine Familie, die zerfällt, ein Schule ohne Aussicht auf Abschluss, Freunde, aber ohne Liebe. Wo, frag ich, bleibt da die Tradition? Wo der Halt und die Stütze?

Biertisch: Das heißt, sie denken Dinge auf dir, die sie bei mir verdrängen? Komisch, mulmig ist mir jetzt zumute, bin – nachdenklich?

Yogamatte: Nachdenken, über das Leben, das Heute und das Morgen, relativieren, in Fragestellen, aufmerksam sein und machen – das kann viel Kraft kosten. Aber es lohnt sich und macht dir bewusst: Gegenwart zu leben ist schwieriger als Zukunft zu planen!